totetiere

Schweineschule Supershirt

Für ihre EP mit Begleitbuch „Der Vierte Affe“ sammelte die Berliner Elektro-Band Supershirt 2014 Anekdoten, Kurzgeschichten und Interpretationen zu ihrem bisherigen Gesamtwerk. Für meinen Beitrag griff ich tief ins Nähkästchen der Schande und erinnerte mich an unsere ersten, gemeinsamen Tourerfahrungen. Die Bücher sind zwar vergriffen, das Ebook gibts allerdings zur EP dazu: Im Audiolith-Shop kaufen.

Schweineschule Supershirt

Es war ein verregneter Tag im November 2009 in der reichen Studentenstadt Erlangen. Seit knapp zwei Jahren tingelten Maik und ich als Zweimannband Captain Capa durch besetzte Häuser, Jugendclubs und Studentenkneipen, um uns in der gefährlichen Welt des Elektropop auszuprobieren. Hinter unseren Ohren leuchtete aggressiv das Grün. Wir hatten gerade erst gelernt, wo der Unterschied zwischen Klinkenkabel und Cinch-Buchse lag, freuten uns über jeden klatschenden Gast vor der Bühne und zuckten vor jeder Frage zusammen, die uns von Haustechnikern oder Konzertveranstaltern entgegen gehustet wurde: „Braucht ihr auf den Kanal Phantomspeisung?“ „Kannst du mir das mal vier dB weniger geben?“ „Und wer von euch isst jetzt keinen Käse?“ Die Konzertwelt war uns eine Fremde, an die wir uns langsam und fasziniert herantasteten.

 

Supershirt lernten wir an jenem besonders chaotischen Abend in Erlangen kennen. Als wir den Konzertsaal betraten, war schnell klar: Der Erlanger Schlachthof war kein besetztes Haus und kein gammliger Jugendclub. In den Raum passten gut 800 Leute, die Bühne war riesig und die technische Ausstattung sah zumindest in unseren dilettantischen Augen top notch aus. Gleich würde uns wieder jemand technische Fragen stellen, auf die wir Antworten stammeln müssten und dann würde sich wieder wer wundern, warum auf unserem Rider sechs bunte Fruchtbiere stehen. Angst. Stattdessen wurden wir von zwei uns aus dem Internet bekannten Gesichtern begrüßt. Ein schnauzbärtiger Henry Witt und ein staksiger Hendrik Menzl stellten sich uns in den Weg und klopften uns auf die Schultern. „Hat das endlich mal geklappt mit dem gemeinsamen Konzert, Captain Schnappa!“ feixten die Jungs. Das mussten dann wohl Supershirt sein. Wir bewegten uns seit zwei Jahren in ähnlichen Sphären, teilten Freunde und Kollegen miteinander und wurden von der selben Booking-Agentur auf Reisen geschickt. Dass man uns bisher nicht zusammen verbucht hatte, mochte daran liegen, dass Supershirt auf dem gerade erst richtig los bretternden Ravepunk-Zug ganz vorne mitfuhren, während wir mit unserem Emo-Techno-Gebolz eher im hinteren Abteil herumkrochen und nach Zielgruppen fischten. Und da standen sie nun, die Brüder, die eigentlich gar keine waren. Henry und Hendrik benahmen sich tatsächlich wie Geschwister, die schon ihr ganzes Leben auf Tour verbrachten. Der schroffe Umgangston gehörte wohl dazu, die beiden kamen schließlich aus Rostock und da picken sich bekanntlich sogar die Möwen gegenseitig die Eingeweide aus dem Gefieder.

 

Beim Aufbau unseres Bühnen-Setups schaute Henry Witt mir gespannt und Bier trinkend über den Rücken: „Und wieso gehst du da jetzt über Klinke rein?“
„Ja, weil, äh, weil…“ stotterte ich.
„Das ist doch Quatsch. Holt euch doch mal ’n ordentliches Interface und dann machst du das alles schön über XLR.“
„Ja, wollten wir auch eigentlich, aber…“
„Mensch, da müsst ihr aber noch viel lernen, meine Capas!“
Zur gleichen Zeit schüttete Hendrik Menzl im Backstage seine Hygienetasche aus und lehrte Maik die ganz wichtigen Utensilien des Tourlebens: „So Maik, jetzt guck mal her. Das ist wichtig. Das hier, das ist ’n Concealer, für die Augenringe. Das hier sind Magnesiumtabletten, für den Morgen danach. Das hier, das ist Feuchtigkeitscreme. Die Haut wird nämlich ganz trocken und spröde, wenn man hier drei Tage rum fährt und säuft. Das hier, das ist Lippenbalsam…“
Das mussten sie wohl gewesen sein, unsere ersten Lektionen. Der Unterricht in der Schweineschule Supershirt hatte begonnen.

 

Nachdem wir uns durch den etwas undankbaren Slot der Vorband der Vorband spielten, und wie üblich mit technischen Querelen, wackligen Kabeln und Textpatzern zu kämpfen hatten, lehnten wir uns neben der Bühne zurück und bestaunten die Jungs bei ihrem Headliner-Auftritt. Uns imponierten die pointierten Ansagen, der glasklare Ravesound, das Glowstick-Spektakel, das schwitzende Publikum und die Textsicherheit der Kids. Nach dem Konzert gab es ein standesgemäßes Backstage-Besäufnis, bei dem wir uns letztlich sentimental in den Armen lagen und uns schworen, unserem gemeinsamen Booker Fabian Zauber so lange auf den Keks zu gehen, bis er uns mit einer umfangreichen Tournee endgültig aneinander schweißt.
„Ja meint ihr das geht, mit der Tour? Das wär doch der Hammer!“ freute sich Maik, der inzwischen schon mit glasigen Augen auf den fünften Wodka schielte. Hendrik winkte ab, griff nach seinem Handy und raunte durch seine Zigarette in den Hörer: „Fabian! Hier Hendrik. Hör mal, du musst uns mal ’ne Tour buchen. Ja, mit den Capas. Genau. Ja, wir verstehen uns suuuper. Ja klar. Ja mach mal. Danke, Schüüüüss!“

 

Im Sommer 2010 fand ich mich in einer spartanisch eingerichteten Neuköllner Wohnung wieder und starrte auf drei halbnackte, schwitzende Männer aus Rostock. Die Schnapsidee mit der gemeinsamen Tournee hatte wirklich Gestalt angenommen und wurde weiter gesponnen. Audiolith-Plattenboss Lewe schlug vor, dass wir einen gemeinsamen Song aufnehmen und eine Split-EP veröffentlichen, um dem Unterfangen einen Rahmen zu geben und reich zu werden. An zwei beklemmend heißen Sommertagen in Berlin sperrten mich Supershirt also in eine Schwitzhütte ein, in der es Ideen dampfen sollte. Die Band zählte inzwischen gleich drei Brüder. Marco alias „Timo Katze“ saß jetzt mit im Boot und sollte mir direkt als „der Sanfte“ ans Herz wachsen. Sofort fürchtete ich, dass der plötzliche Eintritt eines echten Gitarristen, der Noten lesen und Harmonien schreiben kann, die Band in den Elektropunk-Olymp befördern könnte, in den sie definitiv nicht vor oder gar ohne uns einreiten dürften. Inzwischen etablierte sich zwischen unseren Bands nämlich, zumindest unterschwellig, eine seichte Rivalität, die unter dem Dickicht von Freundschaft und vermeintlicher Geschwisterliebe immer dann kurz blutig aufbrodelte, wenn einer mal wieder mehr Plays bei Myspace abgegriffen hatte, als der andere. Wahrscheinlich war es auch dieser winzige Konkurrenzgedanke, der unseren gemeinsamen Schwitzhüttensong „Tote Tiere“ so fantastisch werden ließ. In einem mir vorher völlig unbekannten Arbeitsflow warfen sich Witt und Menzl irrwitzige Deutschrappereien entgegen, während sie auf einem riesigen Whiteboard rum wischten. Die Gitarrenkatze kniedelte ekstatisch in die Saiten. Ich sang etwas von Scheinwerfern und überfahrenen Tieren ins Mikrofon und abwechselnd durfte jeder mal ans Keyboard und Synthie-Gedudel einspielen. Eifrig notierte ich in meinem Notizbuch, was ich in der Berliner Schweineschule im Fach Songwriting lernte: Arbeitsteilung. Zeitlimit. Viel schwitzen. Whiteboard kaufen!
Nach zwei Tagen Hitzeschlag stand „Tote Tiere“. Ein Song, auf den wir alle ein bisschen stolz waren, weil er es tatsächlich schaffte, uns zumindest für vier Minuten dreißig zu einer Überband werden zu lassen, an der kein Weg vorbei führen würde, wenn wir erst mal durch die Clubs rollten.

 


Im wieder nassen Herbst 2010, fast ein Jahr nach der Geburt dieser irrsinnigen Idee, war es dann so weit. Es sollte unsere erste, richtige Tour werden. 19 Termine quer durchs Land, ein waschechter, kleiner Tourbus und ein Manager, der uns Geld zählend morgens aus dem Hotel prügelt.

Die Realität peitschte Maik und mir kalt ins Gesicht, als wir den blauen Mini-Van sahen und in vier erboste Gesichter blickten. Hendrik zeigte auf die Uhr: „Eine Stunde zu spät. Eine Stunde.“

Ja, ich hab doch geschrieben, wir standen voll schlimm im Stau.“ antwortete ich, während ich anfing, unsere Keyboards im Kofferraum zu verstauen.
„Habt ihr denn gar keine Cases!?“ fragte Gitarrenkatze Marco.

Nee, wir stapeln das immer einfach so. Das geht schon.“
Kopfschütteln im Bus. Mein Blick fiel auf einen angekratzten FDP Sticker auf der Stoßstange.

Das ist der Bus von meinem Vadder. Geht nicht anders.“, entschuldigte sich Henry und presste unseren Beutel mit wild verworrenen Kabeln in die Ladefläche. „Jetzt wird’s aber langsam eng hier, können wir dann endlich los?“
Ich schluckte den Kloß im Hals und flüsterte „Ja, fast… eins noch.“, als im Hintergrund schon das rhythmische Rattern ertönte.
„Hier, das noch!“ rief Maik und zog einen gigantischen Reisekoffer über den Gehweg, mit dem man sich gut und gerne wochenlang in der Südsee hätte verschanzen können. „Ja was? Ich hatt jetzt grad nix kleineres.“
Die Fahrt zu unserem ersten „Tote Tiere“ Konzert war eine lange und schweigsame. Maik und ich teilten uns die Sitzbank mit seinem Koffer. Hin und wieder versuchten wir, ein Gespräch anzustoßen. „Leute, das war echt keine Absicht, wir haben doch den Stau nicht herbei gezaubert oder so. Und wir wussten auch nich, dass das so eng wird hier drin.“ Schweigen. Nichts half. Heimlich tippte ich eine SMS an Maik. „Meinst du die verarschen uns?“
„Glaub nicht :-(“

Das taten sie wirklich nicht, und nach einem gelungenen, ersten Konzert, das darin endete, dass wir unseren Schwitzhüttensong gemeinsam auf die Leute los ließen und uns danach wieder ein mal besoffen und sentimental in die Schöße fielen, wurde Maik und mir klar, was da im Bus passierte. Das war klassischer Liebesentzug nach Super Nanny Manier. Das war die Stille Treppe. Das war eine Lektion in Demut. Die Schweineschule der großen Brüder.

 

Es sollte nicht die letzte Lehrstunde sein, die uns von den rauen Nordlichtern mit auf den Weg gegeben wurde. Wittchen, Schlanzko und Katze wurden zu einem dreiköpfigen Meister Miyagi, der uns immer wieder auf die Finger klopfte, wenn Daniel-San Scheiße baute.

Euer Soundcheck hat heute wieder über vierzig Minuten gedauert!“, klopfte Marco auf die Handy-Stoppuhr.
„Wie jetzt, eure T-Shirts kosten nur 13€? Jungs, ihr wollt doch hier auch was verdienen!“, ermahnte Zahngeier Menzl.
Wir sogen den Unterricht wie bockige, aber lernbereite Kinder in uns auf. Jeden Tag wurden wir ein bisschen schlauer und einen Tick professioneller. Dabei wollten wir eigentlich nur mit den coolen Jungs rumfahren, Musik machen und saufen. Zum Glück gehörte auch dies zur Zuckerbrot- und Peitschen-Politik der großen Brüder dazu. Wer beim Soundcheck gut aufgepasst hat und auf der Bühne geil abgeliefert hat, durfte danach auch viel schlucken. Und so wurde tatsächlich jede Menge geschluckt. Das Aftershow-Betrinken wurde zur festen Größe jeden gelungenen und misslungenen Abends. Egal, ob 20 oder 100 Leute Eintritt zahlten, gesoffen wurde immer. Ich weiß heute nicht mehr genau, wer da genau wen anstachelte, aber wahrscheinlich trug unser dörflicher Drang nach Erlebnis und Exzess seinen Teil dazu bei.

 

Der stete Unterrichtsfluss riss jedoch auch im Vollsuff nie ganz ab. So brachte mir Schweinelehrer Hendrik Menzl höchstpersönlich bei, wie man ungewollte Gäste aus dem Backstage oder aus dem bloßen eigenen Umfeld vertreibt. Wir saßen gerade gemütlich und berauscht im Leipziger Kellerclub Ilses Erika, auf dem Dancefloor brummte Minimal-Elektro. Ein junger, offenbar schwer verwirrter und zugedrogter Raver mit buntem Kinderranzen auf dem Rücken setzte sich zu uns in die Runde und griff instinktiv nach dem nächstbesten Cocktailglas. Als er zum groben Schluck ansetzte, fragte Hendrik benommen über den Tisch: „Sag mal, das ist doch nicht dein Glas?“
Der Raver riss die Augen auf und sah für einen kurzen Moment in drei verschiedene Richtungen:
„WAS?“
„Das Glas da, das ist doch nicht deins.“
„DAS? Doch. Doch. Meins.“

Hendrik schaute skeptisch in die Runde und griff sich angestrengt an den Kopf. Wahrscheinlich fiel ihm gerade der dickflüssige „Long Island Icetea“ ein, den er sich hinter der Bühne aus den angebrochenen Spirituosen seiner Bandkollegen gemischt hatte. Er gab sich einen Ruck und räusperte sich:
„Ähem, sag mal, ist das okay, wenn du wieder woanders hin gehst? Wir kennen dich doch gar nicht.“
„Nee, ist okay. Ich bleib einfach hier!“ schrie der Raver und holte zum nächsten Schluck aus.
„Na gut, hier braucht es wohl einen Besen. Zum raus kehren.“, drohte der Schweinelehrer und stakste zum Tresen. Wenige Minuten später kam er zurück an den Tisch, setzte sich neben den Raver und sah ihm eindringlich in die Augen. Wie aus dem Nichts erschien plötzlich ein nasser Putzlappen in Hendriks Fingern, mit denen er dem Raver behutsam über den Handrücken wischte. Die Pupillen des Schulranzen-Druffies wurden riesengroß.
„Hör mal,“ wisperte Hendrik, während er pfleglich und sanft mit dem Lappen schrubbte. „Du willst doch auch, dass alle hier einen guten Abend haben. Du kannst doch nicht hier in unser Gespräch poltern und unsere Getränke weg saufen, ohne zu fragen. Das macht man doch nicht.“
Der Raver schielte überrascht in die Runde und nickte. Zwei, drei Streicheleinheiten später verzog sich der Raver und der bunte Ranzen verschwand im Nirgendwo.
„Die hatten keinen Besen“, tönte Hendrik und steckte sich eine Zigarette an.

 

Auch wenn kein Rausschmiss jemals wieder so beeindruckend und beängstigend zugleich war, war es immer wieder Hendrik Menzl, der gekonnt ungewollten Besuch vor die Tür setzte. Während sich Henry damit beschäftigte, den Pöbel in Scharen in die geheimen Hallen hinter der Bühne zu locken, kümmerte sich Hendrik mit Nachdruck um die darauffolgenden Platzverweise. Von „Gehört ihr eigentlich irgendwie dazu? Wenn nicht, müsst ihr jetzt nämlich gehen.“ bis „Ja komm, jetzt hau mal ab, du benimmst dich ja wie ein Arschloch.“ war alles dabei. Der Rausschmeißer machte dabei auch vor eigenen, langjährigen Freunden keinen Halt.

 

So führte uns die Tote Tiere Tour eines Tages in eine angenehm abgewrackte Punkerstube im wunderschönen Halle an der Saale – A Betonmischers Dream. Dort wartete allerdings nicht nur eine überraschend ekstatische Meute wilder Kids auf uns und den Rave-Zirkus, den wir im Schlepptau hatten, sondern eben auch ein alter Wegbegleiter der Supershirt-Jungs. Nennen wir ihn an dieser Stelle mal Rudolf. Der hatte nach dem Konzert schon ordentlich einen im Tee, was ihm niemand verübeln konnte, denn die Rostocker feierten in jener Nacht ihre selbst erfundene Shot-Kreation „Feuerei“, bestehend aus Mexikaner und Eierlikör. Zwischen Kotzreiz und Rührseligkeit konnte er unsere aufkeimende Aftershow-Euphorie nicht ganz teilen. „Was für ein geiles Konzert, Leute! Alles richtig gemacht! Alles richtig gemacht!“, freuten wir uns.
Leicht lallend
und ein wenig lispelnd holte er zum Gegenschlag aus:
„Also hier, Käptn Kappa. Ihr wisst wohl gar nicht, was das für eine Ehre ist. Supershirt ist hier nämlich, und das mein ich so wie ichs sage, die beste Liveband auf deutschen Bühnen. Das sag ich euch.“
„Habt ihr gesehen, was da los war?“ fuhr er ehrfürchtig fort. „Die kommen da auffe Bühne rauf, hier Henry, Henner und Marco, und da stehen die kaum drauf, da brennt der Laden. Da brennt der ganze Laden! Die rasten aus die Leute! Da springt der Funke sofort über.“
Etwas beschämt wand sich das Trio Infernale ab. „Na, nu lass mal gut sein, Rudolf.“, klopfte Marco ihm auf die Schenkel und nippte vorsichtig an seinem Feuerei.
Nee, nee, die sollen das ruhig wissen.“, wandte er sich angriffslustig wieder an uns. „Was ihr da macht… Scheiße ist das. Da kommt nix.“
Ich versuchte, unsere Live-Qualitäten zu verteidigen:
„Naja, das Publikum hat das heute glaub ich ganz gut…“
„Nee, nee, nee. Das is ein rieeesen Unterschied. Ihr kommt da mit englischen Texten, das versteht kein Schwein und überhaupt. Schreibt erst mal so ’nen Hit wie 8000 Mark oder Strawberry High! Dass Supershirt euch mit auf Tour nehmen, das sollte eine EHRE für euch sein, da müsst ihr aufs KNIE gehen für, noch mal!“
Supershirt schämten sich ein bisschen für Rudolf und bemühten sich, der Situation den Wind aus den Segeln zu nehmen. Irgendwann half all die gute Zurede nicht mehr und bevor sich im Taumel der Nacht gar eine Rangelei entwickeln konnte, kam Rausschmeißer Hendrik mit dem Besen um die Ecke:
„Nu lass uns mal mit den Captains allein, Rudolf. Komm, raus!“

 

Nach einer ersten, anstrengenden Tourwoche wurden die Rausschmisse weniger und die Unterrichtsstunden kürzer. Wir gewöhnten uns an die um uns vorherrschenden Zustände. Die Nächte verbrachten wir sturzbetrunken in schrabbeligen Backstages, die Tage verkatert im FDP-Bus. Marco blätterte während der Fahrt in dicken Manga-Bänden, Maik und ich spielten Nintendo DS, Hendrik faltete Quittungen und Tourmanager Fabian Zauber schrieb SMS. Er hatte in Halle ganz nebenbei die Liebe seines Lebens getroffen und plante nun akribisch Hochzeit und Babypause.
In langen Staus erzählte Henry Witt Geschichten aus dem Leben eines Rotzlöffels, zeigte uns seinen Hosenbart oder folterte uns, indem er die Heizung auf Anschlag drehte, „Jetzt is‘ Sauna da hinten!“ brüllte und die hinterste Sitzbank mit Heißluft flutete. Wenn ihm langweilig wurde und Stille den Bus erfüllte, schob er sein Gesicht grinsend durch das Auto und versuchte, Geheimnisse und Schweinereien aus uns heraus zu kitzeln. „Na Maiki. Warst du gestern schön in Wichsfantasien?“
„Was, wo war ich?“
Henry lehnte sich nach hinten und griffelte nach Maiks Oberschenkeln.
„In Wichsfantasien. Ach nee, Moment, ihr steht ja auf Anglizismen. Also warst du gestern schön in Wankouver?“
„Nee, ich hab gestern nicht“, antwortete Maik und schaute zurück auf den Nintendo Bildschirm.
„Wieso denn nicht? Mach doch mal“, stachelte Henry ihn an und begann, mit den Zeigefingern an ihm rum zu pieksen.
„Wittchen, lass das mal jetzt hier.“
„Warum denn, schämst du dich? Schäm dich doch nicht, Maiki. Auf nach Wichsfantasien, jetzt!“
Desto länger wir unterwegs waren, desto eher glich unsere Reise einer Klassenfahrt, bei der man nur die Spinner aus der letzten Reihe in einen extra Bus verfrachtet hat. Wir konnten uns stundenlang über „Die Legende von Wankouver“ kaputt lachen, schmissen mit Insider-Witzen um uns, die bei Ankunft in der Konzert-Location schon keiner mehr verstand und merkten spürbar, wie unsere Hirne zur Größe einer Walnuss herab schrumpften. Die Notbremse der Vernunft wurde auch dann nicht gezogen, als wir erstmalig in einem Live-Interview bei einem Bremer Radiosender vom „xHamster“ schwärmten und pantomimisch Nagetiere in die Webcam imitierten. Wir waren in einer Blase von Jux und Tollerei gefangen und erlebten in unserem eigenen Paralleluniversum eine Art zweite Pubertät. Im Falle von Supershirt vielleicht auch die dritte oder vierte, die waren ja ein bisschen älter. Wo der blaue Tote-Tiere-Bus hielt und die schweren Seitentüren aufflogen, stürzte ein nach Alkohol und Sportunterricht riechendes Nerdpack auf den Parkplatz, für dessen Anblick sich mancher Konzertveranstalter vielleicht ein bisschen schämte. Scheißegal, denn auch das gehörte wohl zur harten Rostocker Tournee-Schule. Lektion #236: „Spaß muss auch mal sein“ oder so. Und überhaupt hätten sich manche Konzertveranstalter gerne öfter schämen können. Für sich und ihren Laden und ihre Werbung zum Beispiel. Nicht missverstehen! Wir wurden fast ausschließlich warm und herzlich empfangen und Maik und ich stellten sowieso kaum Anforderungen an einen erfolgreichen Abend. Aber auch unsere Bescheidenheit hatte Grenzen, die hier und da drohten, einzureißen. Zum Beispiel als man auf ein und dem selben Flyer einerseits für die große Supershirt und Captain Capa Party warb und andererseits auf den „echten Herrenabend mit Sektempfang und Nutte!“ am Tag darauf hinwies. Oder als Robert Stadlober uns den Jägermeister aus dem Kühlschrank klaute. Oder als ständig irgendein Vollpfosten von der Bar fragte, ob denn an unserem Merchandise-Stand „alles 8000 MUAARK kostet!?“ Frechheiten, für die in der Belegschaft Köpfe hätten rollen sollen.

Aber statt Köpfen rollte der Schweine-Bus und genau so sollte es sein. Am letzten Tourtag überreichten uns Supershirt vor dem Konzert ein Abschiedsgeschenk. Es war eine große, irrsinnig hässliche Porzellan-Schnecke. Voller Schadenfreude erklärte uns Henry: „Guckt mal, was passiert, wenn ihr die beim Ausladen neben das Auto stellt!“ Er stolzierte lachend an der Schnecke vorbei, was das grässliche Deko-Tier mit einem elektronischen Pfeifton belohnte. „Für euch, meine Schnecken-Capas. Die treibt euch an, damit das mal alles ein bisschen schneller geht.“ Die vorerst letzte Lektion der fahrenden Schweineschule.

Wenn ich in alten Blogs schnüffle und Interviews aus dem Herbst 2010 ausgrabe, sprechen zwei jüngere, frischere Captain Capa Lümmel von „Den besten zwei Wochen ihres bisherigen Lebens“ und bezeichnen die Supershirt Drillinge als „große Brüder, die ihnen voll viel beibringen.“

Maik und ich sind erst auf dieser kleinen, chaotischen Tour zu einer echten Band geworden und wir alle zu einem unzertrennlichen Menschenknäuel. Inzwischen wissen wir ganz gut, wie man fix aufbaut, Konzerte ohne Laptop-Abstürze spielt, Kabel aufrollt und mit dem Publikum spricht. Der Unterricht ist vorbei, das Schweine-Abi geradeso bestanden. Nur ein paar nostalgische Nachhilfestunden bleiben uns hin und wieder. Wenn uns heute eine gemeinsame Show mit Supershirt zusammentreibt, fühlt es sich nämlich schlagartig wieder ein bisschen an wie damals. Marco nimmt sich Maiks Gitarre vor und putzt kopfschüttelnd die Saiten, Henry meckert über unseren Kabelsalat und fragt eindringlich „Wies mit den Mädels läuft?“ und Hendrik klopft beim Soundcheck grummelnd auf die Armbanduhr. Am Ende des Live-Sets stehen fünf vielleicht erwachsene Männer auf der Bühne und singen was von Toten Tieren. Danach streunen wir mit unserer inzwischen achtköpfigen Entourage durch Kneipen und Festivalbackstages, hecken lebensgefährliche Promotion-Pläne für eine Zukunft in Saus und Braus aus, wünschen erfolgreicheren Bands Pest und Cholera an den Hals, vergleichen unsere Facebook-Däumchen und erfinden grausige Mischgetränke.

Wir sind auf dem Supershirt-Gymnasium vielleicht nicht weiser oder cooler oder gar gesundheitsbewusster geworden, aber sicher zackiger, eifriger und ein winziges Bisschen härter. Wenn wir heute auf jüngere Bands treffen, versuchen wir ein Stück von dem zu sein, was Wittchen, Menzl und Katze damals für uns waren. Der Schneckenpokal thront immer noch mahnend im Homestudio und pfeift arrogant, wenn es mal wieder nicht voran geht. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem wir ihn mit freundlichen Grüßen aus Rostock an eine jüngere, nervösere und langsamere Band weiterreichen können. Dann machen wir den Meister Miyagi und gründen eine Schweineschule. Frei nach Supershirt.